CFP: Re-Nationalisierung oder Sharing Heritage?

Call for Papers (Einsendefrist: 28. Februar 2018)

 

Re-Nationalisierung oder Sharing Heritage?

Wo steht die Denkmalpflege im europäischen Kulturerbejahr 2018

 

Jahrestagung des Arbeitskreises Theorie und lehre der Denkmalpflege e.V. in

Zusammenarbeit mit ICOMOS Estland und der Estnischen Kunstakademie (Eesti

Kunstiakadeemia), Tallinn, 4.-6. Oktober 2018

 

Überall in Europa erleben wir gegenwärtig deutliche Re-Nationalisierungsbewegungen und eine Inanspruchnahme des kulturellen Erbes für Identitätsbildungsprozesse von Ländern und Regionen. Im Zuge dessen werden die Grenzen zu Anderen deutlicher als zuvor markiert und Fragen der Zugehörigkeit zum Erbe kritisch ventiliert (z.B. gehört der Islam zu Deutschland/Europa? müssen wir Grenzkontrollen reaktivieren? etc.). Diesem Trend suchen europäische Institutionen durch die Betonung gemeinsamer Werte und Traditionen entgegenzusteuern – nach der Deklaration von Faro 2005 gilt das nicht zuletzt für die Ausrufung des Europäischen Kulturerbejahres, das 2018 unter dem Motto "Sharing Heritage" steht und zu einer Neu-Betrachtung des kulturellen Erbes unter Prämissen des Kulturtransfers und der Rezeption von Ideen auffordert. Grenzräume erfahren dabei als Austauschregionen, aber auch als potentielle Konfliktregionen eine besondere Beachtung. Denkmalpflege, Archäologie und Museologie sind durch die aktuellen Neubewertungen des kulturellen Erbes wie alle anderen sammelnden Fächer zu einer Positionsbestimmung herausgefordert.

 

- Welchem Fokus, welchen Kriterien unterliegen ihre Selektionsprozesse? Wieviel Fremdes im Eigenen findet Anerkennung und wieviel Gemeinsames lässt sich in vermeintlich Fremdem ausmachen?

- Werden die angestammten Bilder des Eigenen einer Revision unterzogen? Und wenn ja, wie erfolgt das?

- Geht es um Begegnung oder Abgrenzung? Und wie lassen sich solche Geschichten erhalten/schützen?

- Müssen die Disziplingeschichten am Ende neu geschrieben werden?

 

2018 findet die Jahrestagung des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege vom 4. bis 6. Oktober im estnischen Tallinn in Zusammenarbeit mit der dortigen Akademie der Künste und ICOMOS Estland statt. Das (bau-)kulturelle Erbe des Landes ist sowohl durch eine lange deutsche Geschichte (1252–1561 Herrschaft des Deutscher Ordens, Verbund der Hansestädte, deutsche Okkupation 1941–1944), wiederholte Nationalisierungsbestrebungen sowie durch die Zugehörigkeit zu Schweden, dem zaristischen Russland und schließlich zur Sowjetunion (1940, 1944-1990) geprägt – einer Periode der jüngeren Geschichte, die bis heute als Okkupationszeit verstanden wird. Estnisches Kulturerbe ist demzufolge zwar per se transkulturell, es war insbesondere nach der politischen Wende der 1990er Jahren aber auch durch die Suche nach der eigenen Identität geprägt (s. die Auseinandersetzungen um den Bronzenen Soldaten in Tallinn, 2006/7). Ähnliche Entwicklungen sind bis heute für zahlreiche mitteleuropäische Staaten, aber auch für viele andere Regionen zu konstatieren.

 

- Was bedeutet Sharing Heritage unter diesen Voraussetzungen? Handelt es sich um ein gesamteuropäisches oder um ein ausschließlich westeuropäisches Konzept?

- Können wir einen Beitrag dazu leisten, die gängigen Vorurteile über homogene Leitkulturen, über Eigenes und Fremdes zu überwinden, und durch eine Multiperspektivität auf das kulturelle Erbe zu ersetzen? Oder werden Grenzen nur verschoben und durch die Betonung einer europäischen Identität neue Barrieren aufgestellt (Festung Europa)?

- Gibt es jenseits des (national organisierten) Welterbes der UNESCO sinnvolle und funktionsfähige transnationale Strukturen oder müssten dafür neue Ideen/Konzepte entwickelt werden?

- Wer sind schließlich die maßgeblichen Akteure? Wer würdigt wessen Erbe? Und wer spricht?

 

Die Tagung diskutiert Aspekte des europäischen Kulturerbes und seiner Geschichte unter Fokussierung auf die widerstreitenden Tendenzen von Nationalisierung und Transkulturalität. Beiträge in deutscher oder englischer Sprache, die aktuelle europäische Beispiele zum Gegenstand haben, sind ebenso erwünscht wie Vorträge zu theoretischen und historischen Aspekten des Themas. In allen Themenfeldern wäre das Bemühen erwünscht, kritische resp. konfliktträchtige Fragestellungen unter den jeweiligen kontroversen Perspektiven zu erörtern und darüber hinaus eine transkulturelle/transnationale Sicht zu entwickeln.

 

Bitte senden Sie aussagefähigen Abstracts (maximal 200 Wörter) Ihrer Beiträge spätestens bis zum 28. Februar 2018 elektronisch an ingrid.scheurmann@tu-dortmund.de.

 

Aktuelle Informationen finden Sie unter http://www.ak-tld.de.

Lucie K. Morisset